05 Jun 2026 | Dr. Elmar Ludwig, Claudia Gratz, Malte Jädicke
Erfahrungsbericht F.O.T.T.® Grundkurs
Dr. Elmar Ludwig ist Zahnarzt in Ulm und u.a. Senioren- und Behindertenbeauftragter der Bezirkszahnärztekammer Tübingen in der Kreisvereinigung Ulm.
Darüber hinaus ist er im Vorstand tätig für den gemeinnützigen Verein mund‑pflege e.V. und wurde mehrfach ausgezeichnet für sein Engagement in der zahnärztlichen Versorgung vulnerabler Gruppen, insbesondere in der geriatrischen und inklusiven Zahnmedizin.
Im April nahm er als Kursteilnehmer und erster Zahnarzt überhaupt, an einem F.O.T.T.® Grundkurs teil, der im Therapiezentrum Burgau durchgeführt wurde.
Hier sein lebendiger Erfahrungsbericht aus der Woche vom 13. bis 17.04.2026, ergänzt mit den Eindrücken der beiden unterrichtenden Instruktoren Claudia Gratz und Malte Jädicke.
'WOW ... das sollten alle Zahnärzte wissen!', sagt ein Zahnarzt nach dem F.O.T.T.® Grundkurs in Burgau
Ich bin so was von begeistert! Das F.O.T.T.® Konzept ist beeindruckend und schlüssig. Der Kurs war von der ersten bis zur letzten Sekunde eine tolle Mischung aus Theorie, Selbsterfahrung, gegenseitigen praktischen Übungen und Arbeit mit Patient*innen aus der Einrichtung.
Die Kurswoche
'Know the normal' - schon der Einstieg am ersten Tag mit Überlegungen zur posturalen Kontrolle war ein mind-opener: Alignment mit Beckenstabilität, Rumpfkontrolle, Kopfkontrolle und Kieferstabilität, dazu Haltungsanpassung sowohl feedforward als auch feedback und nicht zu vergessen die Fazilitation nicht zuletzt als wichtige Grundlagen für ein besseres Verständnis krankheitsbedingter Einschränkungen.
'Umwelt gibt Stabilität' - genial und zugleich vielseitig umsetzbar die Idee, Körperhaltung mit Hilfsmitteln zu unterstützen, um gut atmen, sprechen und vor allem gut schlucken zu können.
'Implizites Lernen' - Befund und Behandlung als eine Einheit verstehen am Beispiel des freien Sitzens eindrücklich nachvollziehbar demonstriert und gegenseitig ausprobiert.
Dann der Biss in den Apfel. Was da alles passieren muss, dass einfach funktioniert, was einfach scheint. Der Blick, der sich später wieder löst. Der Arm, die Hand, die greift und den Apfel zum Mund führt. Mundöffnung und Lippen im Kontakt. Abbeißen, Kauen und Schlucken. Wie hier die Prozesse ineinandergreifen - mal der Kopf in Mittelstellung mal in Beugung. Und was alles anders ist, wenn man den Apfel von vorne oder von seitlich oben angereicht bekommt. Was für ein toller Tag.
Am nächsten Morgen dann zum Frühstück Wasser, Kaffee und Kuchen mit Hemi- und Tetraparese. Die Unsicherheit und die Hilflosigkeit, es einfach nur irgendwie hinzubekommen, ohne zu kleckern und ohne sich zu verschlucken. Und immer dabei vor Augen: Patient*innen tun nicht nur so, sie sind wirklich betroffen. Mit großer Spannung danach der erste Kontakt mit unseren Patient*innen. Die ersten Worte, das erste Lächeln und schnell war das Eis gebrochen.
Alle Gruppen voller Eifer und neugierig, Ressourcen zu erkunden und zu entdecken. Mit Tablets konnten wir wichtige Momente über Bilder und Filme dokumentieren. Die Reflexion des Erlebten, der Kieferkontrollgriff, die freie Kopfbeweglichkeit und Überlegungen zu den Alltagsfunktionen des Gesichtes krönten das Ende dieses zweiten Tages voller spannender Eindrücke.
Am dritten Tag standen die Methoden zur Untersuchung des Mundes auf dem Programm. Fazilitation der mimischen Muskulatur. Fazilitation der Zunge auch mit Lautübungen - 'N-G' um die Funktion der Zungenbeweglichkeit für das Schlucken einschätzen zu können. Und wieder gleich praktische Übungen - erst gegenseitig und im Anschluss mit unseren lieben Patient*innen. So werden bleibende Eindrücke geschaffen!
Nach der Mittagspause war der facio-orale Trakt weiter im Fokus. Kiefer, Zunge, Hyoid und wie über die Muskeln und Nerven das Zusammenspiel gelingt. Sehr spannend die indirekten und direkten Schluckhilfen, um das Geschehen von 'außen' anzuregen - einfach wunderbar auch dieser dritte Tag!
Aber was nutzt das Schlucken, wenn der Mensch nicht atmen kann? Folgerichtig ging es am Donnerstag ums Atmen - abdominal und thorakal. Primäre und Sekundäre Atemmuskulatur. Punctum fixum, punctum stabile - Anatomie, Aufhängung und Funktion des Zwerchfells und der intercostalen Muskulatur. In welchem Verhältnis stehen Einatmung und Ausatmung zueinander und was hat das mit Flexion und Extension zu tun? Wie kann man in Seitlage die Atmung fazilitieren und welche mögliche Kompensationen muss man dabei im Blick behalten?
Der nächste Themenschwerpunkt war der therapeutische Einbezug von Nahrung. Geschälter Apfel in Gaze gewickelt und Apfelmus. Zum Essen kommen und assistiertes Essen will gebahnt und gelernt sein. Und Trinken - ob mit Strohhalm oder das Schlürfen aus dem Löffel - ist noch einmal etwas ganz anderes. Und wieder erst demonstriert, dann gegenseitig geübt und am Ende zusammen mit unseren Patient*innen verstetigt.
Last but not least darf die therapeutische Mund-Pflege nicht fehlen. Fazilitation und Elizitieren mit Zahnbürste und großer Kompresse elegant um den Finger gewunden. Einfach, effektiv und genial zugleich. Bravo!
Der letzte Tag begann mit ergänzenden Gedanken und Worten zur therapeutischen Mundpflege. Was mache ich, wenn der Mund nicht aufgeht? Und fast noch wichtiger zunächst die Frage: Warum geht eigentlich der Mund nicht auf? Welche Hilfsmittel können bei eingeschränkter Kooperation nützlich sein? Spatel getaped im Handschuh verpackt. Dazu beeindruckende und durchdachte Techniken, sich und andere nicht zu verletzen, bei dem Versuch, respektvoll Zugang zu ermöglichen.
Der restliche Tag stand voll und ganz im Zeichen der Reflexion. Noch einmal mit unseren Patient*innen die Gelegenheit nutzen, den zurückgelegten Weg und das Erreichte zu betrachten. 'Shaping' und 'Clinical reasoning' - Verläufe reflektiert, Eindrücke und Maßnahmen zusammengetragen. Zum Ende haben alle Gruppen ihre Patient*innen vorgestellt. Anhand der Bilder und Filme Beobachtungen geteilt, spezifische Herausforderungen und die entstandenen Ideen dargelegt und präsentiert.
Resümee
Wunderbar war diese Woche und wunderbar die Gruppe, die offen, zugleich ernsthaft und immer auch konstruktiv-kreativ den Ausführungen von Claudia Gratz und Malte Jädicke folgte. Fragen wurden fleißig gestellt und klug beantwortet. Alle waren von Anfang an und die ganze Woche hindurch mit großem Eifer und voller Neugier dabei.
Vielen, vielen Dank an Claudia Gratz, Malte Jädicke, die tolle Gruppe und das gesamte Team des Therapiezentrums Burgau.
Als ich Zahnmedizin studiert habe, kam das Thema Schluckstörung nicht zur Sprache und spielte keine damals Rolle - bis heute hat sich das übrigens nicht wirklich geändert. Über meine langjährige Tumorsprechstunde und die intensive Arbeit mit Menschen mit Unterstützungsbedarf behandele ich nun seit über 25 Jahren täglich Menschen mit Schluckstörungen und habe mich über die Jahre viel mit dem Thema beschäftigt.
Dieser Kurs hat mir an so vielen Stellen die Augen (weiter) geöffnet, mich noch mehr sensibilisiert und mir schlicht viele neue Erkenntnisse beschert. Großen Respekt und von Herzen auch dafür ein großes Dankeschön von mir.
Gerne möchte ich jetzt das Wissen weiter vertiefen und vor allem will ich diese Erfahrung mit meiner Profession teilen. Jede Zahnärztin, jeder Zahnarzt und alle Mitarbeiterinnen in den Zahnarztpraxen sollten mehr über F.O.T.T.®, das Schlucken und über Schluckstörungen wissen.
Ergänzende Anmerkungen von Claudia Gratz und Malte Jädicke
Ein Zahnarzt, der sich nicht nur auf seine tägliche Praxis konzentriert, sondern darüber hinaus aktiv an einem F.O.T.T.® Grundkurs teilnimmt, zeigt damit eine besondere Offenheit für Weiterbildung und interdisziplinäres Arbeiten. Besonders beeindruckend war, dass er dabei gleich zwei Kurspatientinnen auch noch zahnärztlich behandelte.
Die eine Dame erschien zum Kurs ohne Oberkieferprothese. Die visuelle Untersuchung des Mundes zeigte rasch die Ursache: Eine schmerzhafte Druckstelle, die von der nicht mehr richtig sitzenden Prothese verursacht wurde.
Elmar Ludwig erschien am nächsten Kurstag mit ambulantem Zahnarztkoffer und schleifte der Dame mit professioneller Sorgfalt ihre Prothese so weit ab, dass diese wieder passte.
Eine weitere Kurspatientin klagte über ein komisches Gefühl an ihrem letzten Backenzahn. Nachdem auch wir nicht so recht eine Ursache ausmachen konnten, kam Elmar Ludwig hinzu und entfernte der Dame einigen störenden Zahnstein, der sich schwer einsehbar dort gebildet hatte.
Nach Kursende ließ es sich Elmar Ludwig nicht nehmen, die Dame mit dem Zahnstein nochmals auf der Station aufzusuchen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Dabei entfernte er nochmals einigen Zahnstein.
Für beide Patientinnen war dies nicht nur persönlich erleichternd für ihren Alltag, sondern auch entscheidend für ihre längerfristige Mundgesundheit.
Solche Momente zeigen, wie Weiterbildung und praktische Hilfe ineinandergreifen und echten Mehrwert schaffen. Für uns war es sehr beeindruckend, weil auch so selten, das hier jemand in einer Lernsituation nebenbei Patienten selbstlos fachärztlich behandelte. Dieses Maß an Engagement verdient nicht nur große Anerkennung, sondern setzt auch ein starkes Zeichen für die Zahnmedizin.
Verein mund‑pflege e.V.
Am letzten Kurstag stellte Elmar Ludwig der Kursgruppe dann noch die Informations-, Beratungs- und Schulungsplattform mund-pflege.net des gemeinnützigen Vereins mund‑pflege e.V. vor.
Dort sind fundiertes Wissen, praxisnahe Anleitungen und aktuelle Empfehlungen zur Mundpflege zu finden, ergänzt durch anschauliche Grafiken (siehe Beispiel), Fotos, Videos und interaktive Inhalte.
Allen, die sich für Mundgesundheit im Allgemeinen und Mundgesundheit für Menschen mit Unterstützungsbedarf im Besonderen interessieren, können wir sie wärmstens empfehlen.

